Bauhistorie · 1789 bis heute

Geschichte des Chinesischen Turms in München

Wer den Chinesischen Turm kennt, kennt München. Die fünfgeschossige Holzpagode steht seit über zwei Jahrhunderten im südlichen Englischen Garten und ist Schauplatz einer der ältesten Wirtshaustraditionen der Stadt. Diese Seite erzählt die Geschichte des Bauwerks von der Errichtung 1789 bis zur Gründung des Chinesischer Turm e.V. im Jahr 2019.

Vorbild und Bauauftrag, 1789

Ende des 18. Jahrhunderts ist Chinoiserie europaweit Mode. Kurfürst Karl Theodor lässt den Englischen Garten als Volkspark anlegen und gibt einen Aussichtsturm im chinesischen Stil in Auftrag. Vorbild ist die Große Pagode in den Royal Botanic Gardens in Kew bei London, die wiederum eine Nachbildung der Majolikapagode in Peking ist. Der Münchner Turm fällt mit 25 Metern halb so hoch aus wie das Londoner Original.

Errichtung 1789 bis 1790

Den Bau führt der Hofzimmermeister Johann Baptist Lechner aus, nach Plänen des Militärarchitekten Joseph Frey. Die Konstruktion ist eine fünfgeschossige Holzpagode mit charakteristischen Schwingdächern. Bereits in der Bauzeit dient der Turm als Aussichtsplattform. Damals überragt das Bauwerk die umliegenden Bäume deutlich, heute ist die Aussicht durch den gewachsenen Baumbestand verstellt.

1. April 1792, Eröffnung der Gaststätte

Der entscheidende Tag in unserer Vereinsgeschichte: Am 1. April 1792 öffnet die Gaststätte am Chinesischen Turm. Damit beginnt die Biergartenkultur am Chinesischen Turm, die bis heute ohne nennenswerten Unterbruch besteht. Zur Einordnung: Diese Tradition ist älter als das Königreich Bayern (gegründet 1806) und älter als das Oktoberfest (erste Wiesn 1810).

19. Jahrhundert, Biergartenkultur und Kocherlball

Unter den Kastanien rund um den Turm entsteht eine eigene Form des Münchner Biergartens. Brotzeit von daheim, Bier vom Wirt: das Recht, eigenes Essen mitzubringen, ist bis heute prägend für die Münchner Biergartenkultur. Gegen Ende des Jahrhunderts entsteht eine besondere Tradition: Köche, Mägde und Knechte, die in den Münchner Bürgerhäusern arbeiten, treffen sich am Sonntagmorgen ab sechs Uhr früh am Turm zum Tanz. Aus diesem Dienstbotenball wird der spätere Kocherlball, einer der schönsten Volksbälle Münchens.

1944 und 1952, Zerstörung und Wiederaufbau

Im Juli 1944 brennt der Chinesische Turm nach Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs ab. Die Wirtshaustradition am Ort bleibt jedoch fast ungebrochen, bald wird wieder ausgeschenkt. 1952 errichtet die Stadt München den Turm originalgetreu wieder auf, in der gleichen fünfgeschossigen Holzbauweise nach den ursprünglichen Plänen. Seither steht der Turm unverändert.

1989, Wiederbelebung des Kocherlballs

Nach Jahrzehnten ohne offizielle Veranstaltung wird der Kocherlball 1989 wiederbelebt. Seither tanzt München jedes Jahr am dritten Juli-Sonntag ab 6 Uhr früh in historischer Tracht unter dem Turm. Der Eintritt ist frei. Mehr Informationen auf der Kocherlball-Seite.

19. Januar 2019, Gründung des Vereins

Jahrzehntelang versammelte sich am Chinesischen Turm eine lose, gewachsene Runde, Münchner, die das Lebensgefühl unter den Kastanien teilen. Am 19. Januar 2019 wird diese Runde offiziell: Der Chinesischer Turm e.V. wird als eingetragener Verein gegründet, beim Amtsgericht München unter VR 208108. Vereinszweck ist die Pflege und der Erhalt der bayerischen Biergartenkultur im und rund um den Chinesischen Turm.

Heute, 234 Jahre Tradition

Der Verein zählt 25+ Mitglieder. Der monatliche Stammtisch trifft sich am ersten Samstag, inoffiziell immer dann, wenn die Sonne scheint. Den Biergarten am Turm betreibt seit 1974 die Familie Haberl. Mit rund 7.000 Plätzen ist es einer der größten Biergärten Münchens. Speziell angefertigte Keferloher mit Vereinsemblem ruhen im Eisschrank des Wirts, unschlagbar an heißen Sommertagen.

Zeitleiste auf einen Blick

1789 bis 1790
Errichtung des Chinesischen Turms durch Johann Baptist Lechner nach Plänen Joseph Freys.
1. April 1792
Eröffnung der Gaststätte am Turm. Beginn der Biergartenkultur.
19. Jahrhundert
Etablierung der Münchner Biergartenkultur und des Dienstbotenballs (späterer Kocherlball).
Juli 1944
Zerstörung des Turms durch Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs.
1952
Originalgetreuer Wiederaufbau in Holzbauweise.
1989
Wiederbelebung des Kocherlballs am Chinesischen Turm.
19. Januar 2019
Gründung des Chinesischer Turm e.V., VR 208108 beim AG München.
2026
234 Jahre Biergartenkultur am Turm.

Weiterführende Quellen

Eine ausführliche bauhistorische Darstellung mit Bildmaterial und Belegen findet sich auf Wikipedia zum Chinesischen Turm in München. Das offizielle Münchner Stadtportal beschreibt den Turm als Sehenswürdigkeit auf muenchen.de. Den Biergarten betreibt die Familie Haberl auf chinaturm.de.