Vorbild und Bauauftrag, 1789
Ende des 18. Jahrhunderts ist Chinoiserie europaweit Mode. Kurfürst Karl Theodor lässt den Englischen Garten als Volkspark anlegen und gibt einen Aussichtsturm im chinesischen Stil in Auftrag. Vorbild ist die Große Pagode in den Royal Botanic Gardens in Kew bei London, die ihrerseits die Majolikapagode in Peking nachbildet. Der Münchner Turm fällt mit 25 Metern halb so hoch aus wie das Londoner Original.
Errichtung 1789 bis 1790
Den Bau führt der Hofzimmermeister Johann Baptist Lechner aus, nach Plänen des Militärarchitekten Joseph Frey. Die Konstruktion ist eine fünfgeschossige Holzpagode mit charakteristischen Schwingdächern. Bereits in der Bauzeit dient der Turm als Aussichtsplattform. Damals überragt das Bauwerk die umliegenden Bäume deutlich, heute ist die Aussicht durch den gewachsenen Baumbestand verstellt.
1. April 1792, Eröffnung der Gaststätte
Der entscheidende Tag in unserer Vereinsgeschichte: Am 1. April 1792 öffnet die Gaststätte am Chinesischen Turm. Damit beginnt die Biergartenkultur am Chinesischen Turm, die bis heute ohne nennenswerte Unterbrechung besteht. Zur Einordnung: Diese Tradition ist älter als das Königreich Bayern (gegründet 1806) und älter als das Oktoberfest (erste Wiesn 1810).
19. Jahrhundert, Biergartenkultur und Kocherlball
Unter den Kastanien rund um den Turm entsteht eine eigene Form des Münchner Biergartens. Brotzeit von daheim, Bier vom Wirt: das Recht, eigenes Essen mitzubringen, ist bis heute prägend für die Die Hintergründe dazu, samt Biergartenverordnung und Biergartenrevolution, stehen auf unserer Seite zum Biergarten am Chinesischen Turm.Münchner Biergartenkultur. Gegen Ende des Jahrhunderts entsteht eine besondere Tradition: Köche, Mägde und Knechte, die in den Münchner Bürgerhäusern arbeiten, treffen sich am Sonntagmorgen ab sechs Uhr früh am Turm zum Tanz. Aus diesem Dienstbotenball wird der spätere Kocherlball, einer der schönsten Volksbälle Münchens.
1944 und 1952, Zerstörung und Wiederaufbau
Im Juli 1944 brennt der Chinesische Turm nach Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs ab. Die Wirtshaustradition am Ort reißt dabei kaum ab, bald wird wieder ausgeschenkt. 1952 errichtet die Stadt München den Turm originalgetreu wieder auf, in der gleichen fünfgeschossigen Holzbauweise nach den ursprünglichen Plänen. Seither steht der Turm unverändert.
1989, Wiederbelebung des Kocherlballs
Nach Jahrzehnten ohne offizielle Veranstaltung wird der Kocherlball 1989 wiederbelebt. Seither tanzt München jedes Jahr am dritten Juli-Sonntag ab 6 Uhr früh in historischer Tracht unter dem Turm. Der Eintritt ist frei. Mehr Informationen auf der Kocherlball-Seite.
19. Januar 2019, Gründung des Vereins
Jahrzehntelang versammelte sich am Chinesischen Turm eine lose, gewachsene Runde, Münchner, die das Lebensgefühl unter den Kastanien teilen. Am 19. Januar 2019 wird diese Runde offiziell: Der Chinesischer Turm e.V. wird als eingetragener Verein gegründet, beim Amtsgericht München unter VR 208108. Vereinszweck ist die Pflege und der Erhalt der bayerischen Biergartenkultur im und rund um den Chinesischen Turm.
Heute, 234 Jahre Tradition
Der Verein zählt 30+ Mitglieder. Der monatliche Stammtisch trifft sich am ersten Samstag, inoffiziell immer dann, wenn die Sonne scheint. Den Biergarten am Turm betreibt seit 1974 die Familie Haberl. Mit rund 7.000 Plätzen ist es der zweitgrößte Biergarten Münchens. Speziell angefertigte Keferloher mit Vereinsemblem ruhen im Eisschrank des Wirts, unschlagbar an heißen Sommertagen.
Die Architektur: eine Pagode aus Holz
Der Chinesische Turm ist Münchens bekannteste Pagode: ein fünfgeschossiger, vieleckiger Holzbau von 25 Metern Höhe, der sich von rund 19 Metern Durchmesser am Fuß stufenweise auf etwa 6 Meter verjüngt. Jedes Geschoss trägt ein geschweiftes Schindeldach, an den Ecken hängen vergoldete Glocken. Im Inneren führt eine Wendeltreppe nach oben; der erste Stock dient bis heute als Bühne der Blaskapellen.
Das Vorbild stand in London: die rund 50 Meter hohe Große Pagode in den Royal Botanic Gardens von Kew, die ihrerseits chinesischen Turmbauten nachempfunden war. München baute die Idee in Holz und auf halber Höhe nach, und machte aus dem exotischen Gartenschmuck kurzerhand ein Wirtshaus mit Musik. Die Chinoiserie, die Begeisterung des 18. Jahrhunderts für fernöstliche Formen, hat in ganz Europa Pagoden hinterlassen; kaum eine davon ist so lebendig geblieben wie diese.
Der Turm als Denkmal
Dass ein Holzbau von 1789 heute noch steht, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis Münchner Beharrlichkeit. Nach dem Bombentreffer vom Juli 1944 brannte der Turm vollständig aus; 1951/52 wurde er originalgetreu in Holz wiedererrichtet und am 6. September 1952 wiedereröffnet. Der Wiederaufbau folgte bewusst den historischen Formen statt zeitgenössischer Vereinfachung, weshalb der Turm heute als eines der stimmigsten Beispiele rekonstruierter Gartenarchitektur in Bayern gilt.
Auch die Umgebung trägt Geschichte: Das historische Kinderkarussell von 1913, wenige Schritte vom Turm entfernt, steht seit 1979 unter Denkmalschutz. Der Englische Garten insgesamt gehört zu den ältesten und größten Landschaftsgärten des Kontinents. Wer sich für das Ensemble aus Turm, Biergarten und Park interessiert, findet den Überblick auf unserer Seite Chinesischer Turm im Englischen Garten, das gelebte Brauchtum auf der Traditionen-Seite.
Die Köpfe hinter dem Turm
Fünf Namen prägen die Geschichte des Bauwerks. Kurfürst Karl Theodor verfügte 1789 die Anlage des Englischen Gartens und gab damit den Rahmen. Benjamin Thompson, Graf Rumford, führte als Organisator die Oberaufsicht über den jungen Park und veranstaltete 1794 einen frühen Vorläufer des Kocherlballs. Der Militärarchitekt Joseph Frey entwarf den Turm, der Hofbaumeister Johann Baptist Lechner führte ihn 1789/90 aus. Und Friedrich Ludwig von Sckell, der dem Englischen Garten ab 1804 seine heutige Gestalt gab, wollte den Turm als Stilbruch am liebsten abreißen; zum Glück konnte er sich nicht durchsetzen. Die ausführlichen Kurzbiografien stehen auf unserer Seite Persönlichkeiten am Chinesischen Turm.
Zeitleiste: 1789 bis heute
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1789
Der Bauauftrag
Kurfürst Karl Theodor verfügt die Anlage des Englischen Gartens. Der Militärarchitekt Joseph Frey entwirft einen hölzernen Aussichtsturm nach dem Vorbild der Großen Pagode von Kew.
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1790
Der Turm steht
Hofbaumeister Johann Baptist Lechner vollendet die 25 Meter hohe Holzpagode mit fünf Geschossen und geschweiften Schindeldächern.
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1792
Das Wirtshaus öffnet
Am 1. April 1792 beginnt der Ausschank am Turm. Die Münchner Biergartenkultur an diesem Ort ist damit älter als das Königreich Bayern.
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1794
Der erste Ball
Graf Rumford lädt das Personal seines Militärarbeitshauses zum Fest in den Park: ein früher Vorläufer des Kocherlballs.
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um 1830
Musik im Biedermeier
Mehrmals pro Woche spielen Kapellen zum Tanz am Turm auf. Der erste Stock wird zur Bühne, und ist es bis heute.
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um 1880
Blüte des Kocherlballs
Tausende Dienstboten treffen sich an Sommersonntagen ab fünf Uhr früh zum Tanz unter dem Turm.
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1904
Das Verbot
Die Obrigkeit untersagt den Kocherlball wegen angeblichen Mangels an Sittlichkeit. Die Tradition verschwindet für 85 Jahre.
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1913
Das Karussell
Neben dem Turm eröffnet das handgeschnitzte Kinderkarussell von Joseph Erlacher, das sich bis heute dreht.
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1944
Die Zerstörung
In der Bombennacht des 13. Juli brennt der Turm vollständig aus.
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1952
Der Wiederaufbau
Originalgetreu in Holz wiedererrichtet, wird der Turm am 6. September 1952 wiedereröffnet.
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1979
Denkmalschutz fürs Karussell
Das historische Kinderkarussell am Turm wird unter Denkmalschutz gestellt; seit 1977 gehört es dem Freistaat Bayern.
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1989
Die Rückkehr des Balls
Zur 200-Jahr-Feier des Englischen Gartens kehrt der Kocherlball zurück, seither jedes Jahr am dritten Julisonntag.
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1995
Die Biergartenrevolution
Ganz München steht auf für seine Biergärten. Die bayerische Biergartenverordnung sichert die Tradition, auch am Turm.
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2019
Der Verein
Am 19. Januar gründet sich der Chinesischer Turm e.V. (VR 208108) und macht die Brauchtumspflege am Turm offiziell.
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Heute
234 Jahre und kein Ende
Stammtisch, Blasmusik, Kocherlball, Christkindlmarkt: Die Tradition lebt, und dieser Verein hält sie lebendig.
Mehr zum Bauwerk
Weiterführende Quellen
Eine ausführliche bauhistorische Darstellung mit Bildmaterial und Belegen findet sich auf Wikipedia zum Chinesischen Turm in München. Das offizielle Münchner Stadtportal beschreibt den Turm als Sehenswürdigkeit auf muenchen.de. Den Biergarten betreibt die Familie Haberl auf chinaturm.de.