Eine europäische Mode
Chinoiserie: warum hier eine Pagode steht
Der Chinesische Turm ist nichts Chinesisches. Er ist die bayerische Ausführung einer europäischen Mode, die China nicht abbilden, sondern erfinden wollte. Und er steht genau dort, wo die Gartentheorie seiner Zeit ihn verlangte.
Der Turm
Was Chinoiserie war
Chinoiserie bezeichnet die europäische Begeisterung für ostasiatische Formen im 17. und 18. Jahrhundert. Sie erfasste Porzellan, Tapeten, Möbel, Lackarbeiten, Gartenpavillons. Ihr Verhältnis zur Vorlage war frei: Man kannte China aus Reiseberichten, Handelsware und Stichen, nicht aus eigener Anschauung. Was entstand, war ein europäisches Bild von China, gebaut mit europäischen Mitteln, für europäische Zwecke.
Deshalb ist die Frage, ob der Turm einer echten chinesischen Pagode gleicht, falsch gestellt. Er sollte ihr nie gleichen. Er sollte fremd wirken, und zwar auf eine bestimmte, kultivierte Art.
Das Vorbild: Kew bei London
Die direkte Vorlage steht in England: die Große Pagode in den Royal Botanic Gardens in Kew, errichtet 1762 nach Entwurf von William Chambers, der als einer der wenigen europäischen Architekten tatsächlich in China gewesen war. Kew wurde vielfach nachgeahmt.
Als in München ab 1789 der Englische Garten entstand, war die Wahl des Vorbilds damit schon getroffen: Wer einen Garten nach englischem Muster anlegt, übernimmt auch dessen Bauvokabular. Der Chinesische Turm entstand 1789 bis 1790 nach Plänen des Militärarchitekten Joseph Frey, ausgeführt von Johann Baptist Lechner: fünf Geschosse, 25 Meter, ganz in Holz.
Warum ein Landschaftsgarten solche Bauten braucht
Der englische Landschaftsgarten arbeitet nicht mit Achsen und Symmetrie, sondern mit Szenen. Der Spaziergänger wird über geschwungene Wege geführt und soll in gewissen Abständen auf etwas stoßen, das den Blick fasst und den Ort in eine Stimmung versetzt. Diese Bauten heißen in der Gartentheorie Staffagebauten.
- Der antike Rundtempel
- steht für Klarheit und Ordnung. Im Englischen Garten übernimmt das der Monopteros.
- Die chinesische Pagode
- steht für das Ferne, Heitere, Gesellige. Sie markiert im Garten den Ort der Geselligkeit.
- Die Ruine oder Klause
- steht für Vergänglichkeit und Rückzug.
Dass am Fuß der Pagode der Überlieferung nach zwei Jahre später eine Wirtschaft eröffnete und daraus Münchens zweitgrößter Biergarten wurde, ist deshalb kein Bruch mit der Absicht des Bauwerks. Es ist ihre wörtliche Erfüllung.
Der Turm als Instrument
Eine Besonderheit hat der Münchner Turm gegenüber seinen Vorbildern: Er wurde zum Musikbau. Die umlaufende Galerie im ersten Stock ist keine Zierde, sondern eine Bühne. Bis heute spielt die Blasmusik von dort oben. Aus dem Staffagebau wurde damit ein funktionierendes Gerät.
Was 1944 und 1952 daraus machten
Im Juli 1944 wurde der Turm bei Bombenangriffen zerstört. 1952 wurde er originalgetreu wieder in Holz errichtet. Der Bau, den man heute sieht, ist also 1952er Substanz in der Form von 1790. Für die Chinoiserie ist das folgerichtig: Eine Architektur, die nie Original sein wollte, verliert durch die Rekonstruktion nichts. Mehr dazu in der Geschichte des Turms.
Häufige Fragen
Ist der Chinesische Turm ein chinesisches Bauwerk?
Nein. Er ist ein Werk der europäischen Chinoiserie, also einer europäischen Mode für ostasiatische Formen. Vorbild war die Große Pagode in Kew bei London von 1762.
Was bedeutet Chinoiserie?
Die Begeisterung für ostasiatische Formen in der europäischen Kunst und Gartenkunst des 17. und 18. Jahrhunderts. Die Werke bilden China nicht ab, sondern deuten es europäisch.
Wer hat den Chinesischen Turm entworfen?
Der Militärarchitekt Joseph Frey lieferte die Pläne, Johann Baptist Lechner führte den Bau 1789 bis 1790 aus.
Warum steht in einem Landschaftsgarten eine Pagode?
Weil der englische Landschaftsgarten mit Szenen arbeitet. Staffagebauten wie Pagode, Rundtempel oder Ruine fassen den Blick und geben einem Ort seine Stimmung. Die Pagode steht dabei für Geselligkeit.
Kann man den Chinesischen Turm besteigen?
Nein. Der Turm ist nicht öffentlich zugänglich. Der erste Stock ist den Musikkapellen vorbehalten.